Wortschatz

Die Eskimos haben X Wörter für Schnee… Na und? (Wortschatz und Mentalität II)

Die Eskimos haben 50 Wörter für Schnee. Obwohl Sätze dieser Art meist schlichtweg falsch sind, geistern sie immer wieder durch Blogs und durch Gespräche über Sprache und das Lernen von Sprachen. Ein arabischer Schüler, den ich mit der Variante „Die Araber haben 100 Wörter für Kamel“ konfrontierte, grinste bloß ironisch und meinte: „Könnte hinkommen…“. Ihm war gleich klar, was solche Sätze auch tun: Sie behaupten einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Wortschatz einer Sprache und der Lebenswelt ihrer Sprecher, leiten daraus eine „Weltsicht“ ab und markieren diese als entweder romantisch naturnah oder irgendwie beschränkt. Mein Schüler ist aber Ingenieur und kann für kaum etwas auf der Welt weniger Interesse aufbringen als für Kamele. Tja. Was sagt etwa die Behauptung, das Deutsche habe 30 Wörter für Pferd (vermutlich mehr, ich greife das Beispiel aus der Luft), über uns Deutsche, unsere Sprache und unsere Lebenswelt? Seien wir ehrlich: Nichts.
Die hartnäckige Beliebtheit von dergleichen Sätzlein beruht vielleicht darauf, dass sie eingängig sinnfällige Abkürzungen darstellen zum Gehalt anderer Sprüche aus dem Poesiealbum der Sprachlehrenden, etwa zu diesem: “So viele Sprachen man spricht, so oft ist man Mensch“. Wer mehrsprachig ist, bestätigt gerne, dass Sprachen in der Tat den Horizont erweitern. Aber Deutsch Lernende werden nicht dadurch eine neue Perspektive auf die Welt und sich selbst gewinnen, dass sie hippologisches Vokabular studieren. Zelter, Klepper, Isabelle? Schöne Wörter, aber auch ziemlich tote. So interessant und farbig das Lexikon einer beliebigen Sprache auch sein mag, so erstaunt und erfreut man auch immer ausrufen mag: „Dafür haben wir kein Wort!“ – nackter Wortschatz ist kein Schlüssel zur Welt. Denn ob sich eine Vorstellung zu „Schadenfreude“ lexikalisiert oder nur als Beschreibung („verstohlenes Vergnügen am Unglück anderer“) zuhanden ist, hat eine Menge mit Zufall oder spontaner Kreativität zu tun und wenig mit Weltsicht oder gar „Mentalität“ einer Sprachgemeinschaft.
Wenn Sie also eine Sprache lernen, lernen Sie unbedingt Wörter. Das ist wichtig. Aber übertreiben Sie es nicht. Erproben Sie lieber, was Sie mit den Wörtern anstellen können, die Sie schon haben. Was eine Sprache mit ihren Wörtern anstellt, wie sie sie modifiziert und kombiniert, um immer neue sinnvolle Aussagen zu machen – das bezeichnen wir als Morphologie, Syntax und so weiter, kurz: als die Grammatik einer Sprache. Hier liegt sowohl ihre innere Logik als auch ihre kreative Potenz. Und diesen Bereich, nicht den Haufen ihrer Wörter, hatte der Philosoph Ludwig Wittgenstein wohl im Sinn, als er konstatierte: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“